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Veranstaltungen

Vokalkreis Plön - Orchester- Solisten | 19.04.2019 | 15:00

Joh. Seb. Bach: Johannespassion

Nikolaikirche Plön, Marktplatz 25, 24306 Plön

Information

Zeit
19.04.2019 | 15:00 - 17:00
Veranstalter
Ort
Nikolaikirche Plön
Marktplatz 25
24306 Plön
Telefonnummer
Leitung
KMD Henrich Schwerk

Beschreibung

Janna Ruck, Sopran
Dorothee Bienert, Alt
Florian Bauer, Tenor
Michael Pommer und Malte Schulz, Bass

Vokalkreis Plön
Orchester der Plöner Kantorei



Kurze Einführung in die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach



Entstehung der „oratorischen Passion“


Schon in frühchristlicher Zeit wurden die Passionsberichte, die in der heilsgeschichtlichen Bedeutung des Lebens Jesu einen zentralen Platz einnehmen, auf besondere Weise vorgetragen. Das gesprochene Wort wurde ein Gesungenes, dann folgte die Aufteilung auf verschiedene Vortragende: Evangeslist, Jesus und übrige an der Handlung Beteiligte. Später wurden die biblischen Berichte durch freie Texte erweitert. Die Passionen wurden eingerahmt durch Exordium und Conclusio, also durch einen „Vorspann“ (z. B. in der Bach`schen Matthäus-Passion: „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“) und einen Beschluß, letzterer in der Regel in Form einer „Gratiarum actio“, einer Danksagung. Weitere Ausschmückung erfuhren die Passionen durch vertonte kommentierende Zwischentexte und schließlich durch die Einfügung von Choralstrophen nach zumeist bekannten Melodien. Die Gemeinde wurde also unmittelbar beteiligt.


Zum Text


Der Passionsbericht nach Johannes

Das Johannesevangelium nimmt unter den Evangelisten eine Sonderstellung ein. Der johanneische Jesus war wie Gott selbst von Anfang an (Joh. 1, 1f.) und wird auch in Ewigkeit bleiben, folglich sind auch Einzelheiten seiner Geburt nicht interessant: „Das Wort ward Fleisch“ ist alles, was darüber berichtet wird. Jesus ist Zeit seines Erdenlebens der königliche Gottessohn; seine Wunder und Heilungen geschehen nicht aus Barmherzigkeit oder Mitleid, sondern „zur Ehre Gottes, daß der Sohn Gottes dadurch geehrt werde“ (Joh. 11, 14). Im Mittelpunkt seines Wirkens steht die Aufforderung, an ihn, den Sohn Gottes, zu glauben. Allein daran entscheidet sich Annahme oder Verwerfung. So ist die Passionsgeschichte nach Johannes weniger das schmerzvolle Leiden Jesu, sondern mehr eine notwendige Durchgangsstation auf dem Weg zur Heimkehr zu Gott. So erklärt sich auch der wiederkehrende Begriff der „Erhöhung“ in den Leidensankündikungen. Konflikte, wie die Szene im Garten Gethsemane oder der Kuss des Judas fehlen. Bei Johannes tritt Jesus seinen Häschern sogar entgegen, und ihr Zurückweichen und das Zubodenfallen unterstreichen die Hoheit Jesu, selbst im Moment seiner Gefangennahme. Seine Überlegenheit zeigt sich an vielen anderen Stellen: der hin- und hereilende Pilatus verliert gegenüber dem an seinem Platz verbleibenden Jesus an Würde, Jesu Art und Weise Kaiphas und Pilatus zu antworten zeugen ebenfalls davon (er beantwortet Vieles nicht unmittelbar, verweist auf andere Zeugen, er stellt Gegenfragen). Später trägt Jesus sein Kreuz selber, er bedarf nicht der Hilfe des Simon von Kyrene, er wird nicht am Kreuz verspottet, es fehlt bei Johannes auch der Satz „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“. Selbst am Kreuz bleibt er der (fast gelassene) Vollstrecker des väterlichen Willens.


Freie Dichtung

In der Johannes-Passion begegnen uns Chöre, Choräle, Rezitative, Arien und Ariosi. Man muß unterscheiden zwischen dem vertonten Bibeltext und der freien Dichtung. Während im biblischen Bericht der Wortlaut vorgegeben ist, hatte Bach freie Wahl, was die Einfügung von Choralstrophen anging. Der Textdichter, der für die Arien und Ariosi schrieb, ist nicht bekannt. Nicht bewiesen ist die oft geäußerte Annahme, Bach habe selber geschrieben. Es gibt deutliche Hinweise auf Anleihen, eine zu Bachs Zeiten gängige und ganz und gar nicht ehrenrührige Praxis: der Textdichter orientierte sich stark an dem damals sehr bekannten Passionstext "Der für die Sünde der Welt Gemarterte und Sterbende Jesus" des Hamburger Ratsherren Barthold Heinrich Brockes. Einiges hat er „entschärft“: so hat er beispielsweise darauf verzichtet, die Reue-Arie nachzudichten und vielmehr auf die von Christian Weise aus dem Gedicht „Der weinende Petrus“ zurückgegriffen. Bei Brockes heißt es noch: „Heul, du Schaum der Menschenkinder! Winsle, wilder Sündenknecht! Thränenwasser ist zu schlecht, weine Blut, verstockter Sünder!“ 


Zur formalen Anlage


Um der Karfreitagspredigt den entsprechenden Platz zu geben, ist die Johannes-Passion zweigeteilt. Der zweite Teil, der überschrieben ist mit: „Parte seconda. Nach der Predigt“, bekommt mit dem Choral „Christus, der uns selig macht“ ein eigenes Exordium.

Für den biblischen Bericht kannte die theologische Tradition eine Gliederung in fünf Abschnitte: Hortus – Pontifices – Pilatus – Crux – Sepulchrum (im Garten – vor den Hohenpriestern – vor Pilatus – am Kreuz – im Grab). Jeder dieser Abschnitte endet mit einem schlichten Choralsatz.

Der Aufbau:


Exordium I Chor: Herr, unser Herrscher

A. Hortus Joh. 18, 1-11 Choral: Dein Will gescheh

B. Pontifices Joh. 18, 12-27 (Mt. 26, 75) Choral: Petrus, der nicht denkt zurück

[Predigt]

Exordium II Choral: Christus, der uns selig macht

C. Pilatus Joh. 18, 28 / 19, 22 Choral: In meines Herzens Grunde

D. Crux Joh. 19, 23-37 (MK. 15, 38/Mt. 27, 51-52) Choral: O hilf, Christe

E. Sepulchrum Joh. 19, 38-42 {Conclusio: Ruht wohl} Choral: Ach Herr, laß dein lieb Engelein


Bach war diese Ordnung wohl bekannt, er hat diese Ordnung angewandt und einzelnen Abschnitte unterschiedlich gewichtet, denn diese traditionelle Gliederung gilt ja nicht ausschließlich für die Passion nach Johannes. Die Rahmenteile A. und E. sind relativ knapp gehalten: beim A-Teil ergibt es sich aus dem Fehlen der Gethsemaneszene und des Abendmahls im Johannes Evangelium. In Teil E. bietet es sich von selber an.


Die Bedeutung bestimmter Aussagen wird durch formale Proportionen unterstrichen. Es stellt sich die Frage nach dem „Goldenen Schnitt". Gibt es Zentren, die durch symmetrische Anordnung der sie umgebenden Teile betont werden? Eine Form nach dem „Goldenen Schnitt" zu teilen bedeutet, dass der kleinere zum größeren Teil in genau demselben Verhältnis steht wie der größere Teil zum Ganzen. In Vollendung kann man den Einsatz des „Goldenen Schnittes in der Matthäus-Passion entdecken. In Bachs Johannespassion liegt der „Goldene Schnitt" in der Arie Nr. 24 „Eilt, ihr angefochtnen Seelen", und zwar exakt bei den Worten „Nehmet an des Glaubens Flügel". Diese Arie wird zusätzlich auch dadurch hervorgehoben, dass sie gemessen an der Taktzahl mit Abstand das längste Stück des ganzen Oratoriums ist. Dem Text dieser durch ihre formalen Eigenheiten hervorgehobenen Arie gilt demzufolge besondere Aufmerksamkeit. Er rückt den Evangelienbericht in das Licht von Luthers Rechtfertigungslehre. Luther stellt fest, dass es für den Menschen auf sich selbst gestellt allein keine Hoffnung gibt, sondern nur im Glauben an die Erlösung durch den Kreuzestod Jesu Christi. Genau dies drückt auch Bachs Arientext aus: „Eilt, ihr angefochtnen Seelen, nach Golgatha. Nehmet an des Glaubens Flügel, flieht zum Kreuzeshügel; eure Wohlfahrt blüht allda". Mit wenigen Worten verweist diese Arie auf die Bedeutung der Passion Jesu. Hierin steht sie in einer Reihe mit den schlichten Chorälen des Oratoriums, die die Antwort der christlichen Gemeinde auf den Evangelientext darstellen. Dieser Zusammenhang wird wiederum durch ein formales Verhältnis unterstrichen: die Choräle haben zusammen genau so viele Takte wie die Arie „Eilt, ihr angefochtnen Seelen".

Der Choral „Durch dein Gefängnis, Gottes Sohn" wird symmetrisch eingerahmt durch 6 Chorstücke, die sich - bei unterschiedlichen Texten - musikalisch paarweise entsprechen. Es handelt sich dabei um die Worte, die der Verfasser des Johannesevangeliums den „Hohenpriestern" (also der geistlichen Führung) bzw. den „Juden" (den Volksmassen) oder den „Kriegsknechten"  zugeschrieben hat.  Auch hier spiegelt die Form den Inhalt wider. Der Begriff „Gefängnis" findet sich sozusagen umklammert zwischen den Chorstücken, die jeweils nach der gleichen Form komponiert sind, teilweise sogar im selben Tonsatz. So wird der Choral zum Herzstück der Johannes-Passion: bis zu seinem Erklingen ist Pilatus gewillt, Jesus freizugeben, danach weicht er Schritt für Schritt vor der fordernden Masse zurück. Das Zentrum „Durch dein Gefängnis“, aber auch das formstiftende Element der Turbaechöre, die Bach in seinen (mindestens) vier Versionen der Johannes-Passion nicht veränderte, lassen sich wie folgt am besten darstellen:


16e. Rezitativ

  17. Choral

18a. Rezitativ

  18b. Chor: Nicht diesen, sondern Barrabam

18c. Rezitativ

19./20. Arioso/Arie

21a. Rezitativ

 21b. Chor Sei gegrüßet

21c. Rezitativ

  21d. Chor: Kreuzige, Kreuzige

21e. Rezitativ

   21f. Chor: Wir haben ein Gesetz

21g. Rezitativ

  22. CHORAL: DURCH DEIN GEFÄNGNIS

23a. Rezitativ

 23b. Chor: Lässest du diesen los

23c. Rezitativ

 23d. Chor: Weg mit dem! Kreuzige

23e. Rezitativ

  23f. Chor: Wir haben keinen König

23g. Rezitativ

24. Arie

25a. Rezitativ

 25b. Chor: Schreibe nicht: der Jüden König

25c. Rezitativ

  26. Choral

27a. Rezitativ



Zu den Affekten in der Musik


Beispiel: Rezitative

Der Evangelientext wird vom Tenor in harmonisch und rhythmisch sehr differenzierter Weise vorgetragen. Der Evangelist treibt die Handlung voran, der Chor übernimmt die wörtliche Rede von Personengruppen. Als Beispiele für die musikalische Ausdeutung des Textes seien drei Rezitative genannt: im ersten (Nr. 2) liegt bei Jesu Auftreten ein ruhiger Molldreiklang, auf dem Wort „Jesus“ schreibt Bach jeweils den Spitzenton G´´ vor. Wenn in der zweiten 4-Takt-Phrase von Judas die Rede ist, setzt Bach einen verminderten Septakkord der VII. Stufe ein, das entlegenste Akkordgebilde, das diese Zeit kannte; außerdem begibt er sich in die tiefe Lage. Neben diesen Gegensätzen, mit denen die Personen dargestellt werden gibt es weitere Illustrationen: durch eine Tempobeschleunigung bei „Judas aber, der ihn verriet, wusste den Ort auch“, verbunden mit der Vergrößerung der gesungenen Intervalle, werden die unheilvollen Aktivitäten des Judas dargestellt. Im krassen Gegensatz dazu der ruhige und überlegene Jesus: „Wen sucht ihr?“ In der Nr. 12c. in der Petrus Jesus verleugnet, liegt eine Interpolation vor: die Worte „Da gedachte Petrus an die Worte Jesu und ging hinaus und weinete bitterlich“ kommen aus dem Matthäus-Evangelium. Für den barocken Bibelhörer dürfte dies keine Besonderheit gewesen sein, man kann davon ausgehen, das die Evangelienberichte quasi synoptisch gehört wurden, und dass beim Verlesen des Einen die Anderen mitgedacht wurden. Hier, wie auch bei der zweiten Interpolation Nr. 33 „Und siehe da, der Vorhang im Tempel zerriß…“ nach Markus, bzw. Matthäus hat Bach die Gelegenheit wahrgenommen und die Affekte besonders farbenreich eingesetzt: das „bitterliche Weinen“ und das „Zerreißen des Vorhangs“ und das „Erdbeben“. Besonders anschaulich auch das Rezitativ: „… und geißelte ihn“. Der Hörer spürt förmlich die Schläge, die auf Jesus niedergehen. 


Beispiel: Arien

Die gesamte Johannes-Passion ist voller Affekte, nur einige Wenige können hier aufgezählt werden: etwa die „Erwäge“ Arie, in der das Erwägen, die Wasserwogen und der Regenbogen plastisch dargestellt sind. Auch die „Wohin?“ Rufe der Unterstimmen in der Arie „Eilt, ihr angefochtnen Seelen“, die durch die Aufwärtssprünge im 2/8 Rhythmus, obwohl ein 3/8 vorgeschrieben ist, die Orientierungslosigkeit der Fragesteller illustriert.


Beispiel: Chöre

Der Eingangschor „Herr, unser Herrscher“ (siehe Psalm 8, 2) verdeutlicht das Zusammengehören von Kreuz und Herrlichkeit: auf der einen Seite die kreiselnden Sechzehntelnoten immer auf den Worten „Herrlich“, „Herrscher“ – auf der anderen Seite die dissonanten Haltetöne in den Bläserstimmen, das Kreuzmotiv vorzeichnend. Die Erregtheit derer, die Jesus verhaften, dargestellt mit den „zappelig aufgeregten“ Flöten. „Bist du nicht seiner Jünger einer?“: der imitatorische Themeneinsatz suggeriert dem Hörer ein nicht enden wollendes Hinzutreten von Fragenden. Die aufsteigende Melodik unterstreicht den Gestus einer Frage. Beim „Wir dürfen niemand töten“ kommt wieder die erregte Flöte zum Einsatz: das aufgebrachte Volk sagt zwar, es dürfe niemanden töten, in Wirklichkeit wollen sie es aber. Das wird auch dadurch deutlich, dass die Stimmen am Schluss des Chorsatzes zusammengeführt werden, sich quasi immer einiger werden, bis schließlich der ganze Chor mit „einer Zunge spricht“. Das hat natürlich auch eine entsprechende dynamische und dramatische Wirkung. Und ein letztes Beispiel: der Chor: „Lasset uns den nicht zerteilen“. Bach schreibt eine Permutationsfuge, d. h. die gleich bleibenden Kontrapunkte werden ständig untereinander vertauscht. Der Text ist sinnfällig in Musik gesetzt: das Schütteln der Lose durch die kreiselnden Sechzehntel, das Zerteilen des Rockes durch die Synkopen, der Beschluss mit der zwingenden Kadenz.

Eine Besonderheit liegt beim Schluss der Johannes-Passion vor: die Conclusio Nr. 39 „Ruht wohl“ ist nicht das Schlussstück, es folgt noch ein Choralsatz – der Schlusschoral Teil E. (s. o.). Durch diesen Kunstgriff gibt Bach der gesamten Passion noch einen kräftigen Ruck nach vorne. Während in der Matthäus-Passion der Schlusschor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ in düsteren c-moll endet und nur durch den Vorhaltton „H“ der Flöte nicht nur einen Schmerzausdrückenden großen moll-Septakkord erzeugt, sondern auch durch dieses „H“ auf die österliche Helligkeit und Freundlichkeit eines künftige G-Dur hinweist, beschließt Bach die Johannes-Passion ganz johanneisch: im hymnisch, triumphalen Es-Dur lässt er die gesamte Gemeinde singen: „Herr Jesu Christ, erhöre mich, ich will dich preisen ewiglich“. H.S.








Benutzte Literatur:

Partitur der NBA (Neue Bach Gesamtausgabe) 

Alfred Dürr: “Johann Sebastian Bach – Die Johannespassion”

S. Kettling/E. Tzschoppe „Herr, unser Herrscher“

Christoph Wolff: „Johann Sebastian Bach”

Albert Schweitzer: „Johann Sebastian Bach“

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